Weiterbildung · Aktuelle Studienlage
Wer nach den Vorteilen von E-Learning sucht, findet innerhalb von Minuten ein Dutzend eindrucksvoller Prozentzahlen. Die wenigsten davon halten einer Quellenprüfung stand.
„60 Prozent schnellere Mitarbeiterentwicklung." „Bis zu 80 Prozent höhere Mitarbeiterbindung." „Behaltensquoten von 25 bis 60 Prozent gegenüber 8 bis 10 Prozent im Präsenzunterricht." Diese Sätze stehen auf hunderten Anbieterseiten. Verfolgt man sie zurück, landet man fast immer bei einem anderen Anbieterblog, der wiederum einen dritten zitiert. Eine nachprüfbare Primärstudie steht selten am Ende der Kette.
Das ist bedauerlich, weil E-Learning belegbare Vorteile hat. Sie sind nur nüchterner, als das Marketing behauptet. Dieser Beitrag trennt beides: Was aktuelle Erhebungen tatsächlich zeigen, was die Lernforschung seit Jahrzehnten stützt, und wo die Grenzen liegen.
Was die aktuellen Zahlen aus dem DACH-Raum zeigen
Zwei Erhebungen liefern für den deutschsprachigen Raum belastbare Anhaltspunkte: die eLearning BENCHMARKING Studie des eLearning Journals gemeinsam mit der Haufe Akademie sowie der mmb Trendmonitor „Learning Delphi" des mmb Instituts, dessen zwanzigste Welle zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 erhoben wurde.
33,4 %
der Weiterbildungsbudgets entfallen auf digitales Lernen. Es ist damit kein Nebenkanal mehr, sondern ein Drittel des Mixes.
48,8 %
der Unternehmen sehen digitales Lernen als zentralen Bestandteil ihrer Weiterbildungsstrategie, weitere 31,6 % nutzen es ergänzend.
68,8 %
Verbreitung von Microlearning, ein Zuwachs von 15,8 Prozentpunkten. Das am schnellsten wachsende Format.
Interessanter als die Verbreitung ist die Richtung. Das Video hat das klassische Web Based Training als meistgenutztes Format abgelöst, und kurze Lerneinheiten wachsen schneller als alles andere. Beides deutet auf dieselbe Entwicklung: weg vom mehrstündigen Kurs, hin zu Einheiten, die zwischen zwei Terminen passen.
Die vier Vorteile, die sich belegen lassen
Verteiltes Lernen schlägt den Block
Der Spacing-Effekt gehört zu den am besten abgesicherten Befunden der Lernpsychologie: Derselbe Stoff, über mehrere Sitzungen verteilt, wird zuverlässiger behalten als in einem Durchgang. Ein Präsenztag lässt sich schwer aufteilen, eine Kursreihe aus Zehn-Minuten-Einheiten ist genau darauf ausgelegt. Das ist der eigentliche didaktische Vorteil digitaler Formate, und er wird im Marketing selten genannt, weil er unspektakulär klingt.
Abfragen wirkt besser als Wiederlesen
Der zweite robuste Befund ist die Testung als Lernmethode. Wer sich Inhalte aktiv abruft, statt sie erneut zu lesen oder zu hören, behält sie deutlich länger. Digitale Formate können das systematisch einbauen, über Zwischenfragen, Entscheidungsszenarien und Wiederholungen nach Wochen. In einer Präsenzschulung endet die Abfrage meist mit dem Seminartag.
Differenzierung nach Rolle statt Gießkanne
Eine Präsenzveranstaltung muss einen Kompromiss für den Raum finden. Die Hälfte langweilt sich, die andere Hälfte kommt nicht mit. Digitale Kurse lassen sich nach Vorkenntnis und Aufgabe zuschneiden. Genau deshalb steht Personalisierung in den aktuellen Erhebungen ganz oben auf der Agenda, allerdings auch als eine der größten Lücken zwischen Anspruch und Praxis.
Nachweisbarkeit ohne Zusatzaufwand
Dieser Punkt wird in didaktischen Debatten übersehen, entscheidet aber in regulierten Bereichen über alles. Wer wann welchen Inhalt bearbeitet hat, entsteht bei digitalen Formaten nebenbei. Nach einer Präsenzschulung existiert im besten Fall eine Unterschriftenliste, die nichts darüber sagt, ob jemand zugehört hat.
Wo E-Learning nicht besser ist
Ein ehrlicher Beitrag muss die Gegenseite benennen, sonst reiht er sich in die Werbeprosa ein, die am Anfang kritisiert wurde.
Abschlussquoten
Die größte Schwäche. Offene Online-Kurse erreichen berüchtigt niedrige Abschlussquoten im niedrigen zweistelligen Bereich. Betriebliche Pflichtkurse liegen deutlich höher, aber Freiwilligkeit ohne Struktur führt zuverlässig zu angefangenen und nie beendeten Kursen.
Aushandeln und Streiten
Wo es um Haltungen, Konflikte oder kulturelle Veränderung geht, ersetzt kein Modul den Raum, in dem Menschen sich widersprechen. Für Wissen und Verfahren ist digital überlegen, für Aushandlung nicht.
Der Zeitmythos
Digitales Lernen spart Reisezeit, aber keine Lernzeit. Als größte Hemmnisse nennen die Studien Zeitmangel und fehlende Ressourcen. Wer kein Zeitfenster im Arbeitstag schafft, bekommt keine Weiterbildung, unabhängig vom Format.
Zwei Mythen, die sich hartnäckig halten
Die sogenannte Lernpyramide mit ihren festen Behaltensprozenten je Lernform ist nicht belegt und geht auf eine nie veröffentlichte Quelle zurück. Ebenso wenig haltbar ist die Einteilung in visuelle, auditive und haptische Lerntypen: Wiederholte Untersuchungen konnten keinen Lernvorteil nachweisen, wenn Material an den vermeintlichen Typ angepasst wurde. Beide Konzepte tauchen bis heute in Schulungskonzepten auf.
Die Verschiebung durch KI
Die zwanzigste Welle des mmb Learning Delphi zeigt ein eindeutiges Bild: Auf jede Frage nach Geschäftschancen, Lerninhalten oder didaktisch bedeutsamen Technologien lautete die häufigste Antwort künstliche Intelligenz. Chatbots und KI-Lernassistenten stehen an der Spitze, während Video-Tutorials sowie Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen deutlich verlieren.
Bemerkenswert ist die Nüchternheit der befragten Fachleute. In der Vorwelle hielten 93 Prozent den Einsatz großer Sprachmodelle bei Bildungsanbietern binnen drei Jahren für selbstverständlich. Gleichzeitig erwarteten 71 Prozent, dass mehr Zeit für die Qualitätsprüfung von KI-Ergebnissen nötig wird, und zwei Drittel rechneten damit, dass durch generative KI auch Kompetenzen verloren gehen. Die Branche, die am meisten von KI profitiert, ist zugleich die, die am deutlichsten vor Deskilling warnt.
Ein Befund aus der aktuellen Welle verdient eigene Erwähnung: Compliance verliert als Lernthema an Bedeutung, während KI-Kompetenz an erster Stelle steht. Das ist bemerkenswert, weil die regulatorischen Anforderungen im selben Zeitraum gewachsen sind. Beides gleichzeitig kann nicht aufgehen.
Was daraus praktisch folgt
Wer digitale Weiterbildung einführt oder überarbeitet, kann sich an vier Punkten orientieren, die aus der Studienlage und der Lernforschung gemeinsam hervorgehen.
Kurze Einheiten statt Tagesveranstaltungen. Nicht weil die Aufmerksamkeitsspanne gesunken wäre, das ist selbst ein Mythos, sondern weil verteiltes Lernen nachweislich besser haftet und kurze Einheiten überhaupt erst in den Arbeitstag passen.
Abfragen einbauen, nicht nur abspielen. Jedes Modul braucht einen Punkt, an dem die Lernenden etwas entscheiden oder abrufen müssen. Ohne diesen Punkt ist ein Kurs ein Video mit Fortschrittsbalken.
Zeit verbindlich zuweisen. Der häufigste Grund für gescheiterte Programme ist nicht schlechter Inhalt, sondern ein fehlender Termin. Ein reservierter Slot im Kalender wirkt stärker als jede Gamification.
Wiederholung einplanen. Einmalige Schulungen veralten, in regulierten Themen innerhalb weniger Monate. Aktualität ist kein Komfortmerkmal, sondern Teil der Wirkung.
Fazit
E-Learning ist dem Präsenzformat nicht grundsätzlich überlegen. Es ist überlegen bei allem, was verteilt, wiederholt, differenziert und dokumentiert werden muss. Das trifft auf einen großen Teil betrieblicher Weiterbildung zu, aber eben nicht auf alles.
Die belegbaren Vorteile brauchen keine erfundenen Prozentzahlen. Sie sind gut genug ohne.
Quellen
eLearning BENCHMARKING Studie, eLearning Journal in Zusammenarbeit mit der Haufe Akademie, Ausgaben 2024 und 2025 · mmb Trendmonitor „Learning Delphi", mmb Institut, Wellen 2024/2025 und 2025/2026, letztere erhoben zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 unter 77 Fachleuten der Bildungsbranche.
Stand: 16. September 2026.
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Yannick | SimpleAct Team
Autor · SimpleAct Team
